18 Jan 2018

Welt, weit, weg… – Ist Backpacking out?

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Rucksackreisen und Blitzurlaube – die Outputrosinen der Backpacking-Idee

Was alles mitnehmen?Backpacking beginnt nicht mit dem ersten Schritt, sondern schon beim Packen: „Wie sollen Hygiene-Artikel, Wäsche und Verpflegung in dieses komische Rucksackding mit den tausend Schnüren, Schnallen und Laschen hineinpassen, ohne dass alles verknuddelt und/oder ausläuft?“ Der Minimalismus beginnt im Kopf und nicht erst, wenn keine sauberen Socken mehr da sind, die Wasserflasche leer ist oder die nicht ausgeschilderte Abkürzung doch keine war, wenn nachts der Regen auf dem unbeleuchteten Feldweg in der Pampa einsetzt. Backpacking wird gerne mit dem Mythos der Grenzerfahrung umgeben, des Durchkämpfens und Erlaufens der Kultur statt bloß des Fotografierens oder Hop-On-Hop-Off-Bus-Fahrens mit Audio Guide im Ohrloch. Individuelles Reiseerlebnis wird mit körperlichem Schweiß und geistiger Flexibilität er- und später als einmaliges, selbst erarbeiteter Reiseerfolg verkauft. Verschwiegen bleiben langweilige Wartezeiten auf ausgefallene Verbindungsbusse, schmerzend-nervende Gelenke und die Momente, in denen man einfach nur eine heiße Hoteldusche oder ein weißes Bettlaken hätte haben wollen… Manchmal sehnte man sich auch einfach nur nach zuhause.

 

Take nothing but memories, leave nothing but footprints! (L. Si’al zugeschrieben)

 

Obiges Zitat stammt von einem Indianerhäuptling, auf den u.a. die Gründung der Stadt Seattle im Nordwesten der USA zurückgeht. Den indigenen Ureinwohnern Amerikas wurde – nicht immer frei von Karl-May-Romantisierungen – seit jeher eine besondere Naturnähe und -verbindung attestiert, fern ab von Ausbeutung oder des ungehemmten Strebens nach persönlichem Privatbesitz. Immaterialismus wie ökologische Nachhaltigkeit gehören heute (wieder) zum Werte-Kanon der „Generation Y“, wenn auch stark individualisiert und zeit-kontextual. Der zitierte Stammeschef war damals dafür bekannt (und umstritten), sich der Kultur seiner europäischen Eroberer/innen anpassen zu wollen. Umgekehrt lassen sich Teile der heutigen Generation heute immer seltener auf fremde Welten mit vollbeladenen Rucksäcken in 10-Bett-Schlafsälen und Gemeinschaftsküchen ein. City Hopping by planeNicht zuletzt Dank der Billigflieger ist günstiges City Hopping mit leichten Ultra-Notebook im Trolley-Gepäck hipp – ein klimatisiertes Einzelzimmer mit gratis WLAN geht sich meist aus. „Flashpacking“ heißt der Trend, der meist ohne mühsames Schwitzen, Wege erkunden und Fußblasen möglichst auf effiziente, gebündelte Reiseerfahrung aus ist.

 

Als neue Währung unter solchen Reisenden zählt oft nicht die persönliche Erfahrung, sondern, wann der billigste Fähren-Preis für die Überfahrt verhandelt, wo die authentischste einheimische Nudelsuppe aufgetischt oder wie ein Tagesausflug mit den gebündelten Eindrücken organisiert wurde. Neoliberalismus und Wettbewerbsgesellschaft (beides nicht per se schlimm!) haben Einzug gehalten in die Backpacking-Szene, so wie die weißen Siedler/innen damals das Indianerland auch kulturell besetzten. Fällt im heimischen Supermarkt meist nicht einmal auf, dass die Butter letzte Woche um 5 Cent günstiger war, kann diese reale Preisdifferenz im Billig-Reiseland mit Gleichgesinnten ganze Lagerfeuer-Diskussionen abendfüllen. In fremder Währung mit oftmals mehr Nullen, aber weniger Geldwert verklärt, facht der Stolz, nicht (vollständig) als Touristen/innen-Gans ausgenommen worden zu sein, als knisterndes Holzscheit die Glut an, auf der die Reste des Backpacking-Ideals verkokeln.

 

Als Kult aus den 70ern galt Backpacking lange als Arme-Leute-Reisen mit dem ausgelutschten Lonely Planet in der Jeans, den alle ehrfurchtsvoll „The Book“ nannten. Dieses war der Subkultur der „Traveler“ (Dauerreisenden) nachgebildet, die per definitionem immer in (zumindest potenzieller) Bewegung sind, deren Heimat der Ort der Gegenwart ist, und die einen ordentlichen Wohnsitz nicht als Normalzustand begreifen sondern das Reisen an sich. Die Aneignung von Mobilität diente nicht dazu, von A nach B zu kommen, umzuziehen oder zu fliehen – sie diente der persönlichen Unabhängigkeit. Backpacking war ursprünglich der Versuch, diesen Zugang zumindest für begrenzte Zeit zu leben, auszubrechen aus der Gewöhnung an die Konsum-Society der Wohngesellschaft oder der Ausrichtung auf den konservativen Lebensstil der Nachbarschaft. Der revolutionäre Abgrenzungsgedanke gegenüber oberflächlichem Ölsardinen-Tourismus am Nordsee-Strandbad oder dem schlemmenden Familien-Urlaubsidyll im Schwarzwald trägt auch heute noch die Bewegung – angereichert um das hedonistische Kurzzeiterlebnis mit Individualisierungstopping.

 

Backpacking reloaded – postmoderner Pilger/innen-Spiritualismus 2.0?

In der postmodernen Gesellschaft empfinden wir zugleich als Bürde und Segen, dass uns kaum noch feste Vorgaben lebenslang binden (traditionelle Werte, Milieu-Zugehörigkeiten, Familieneinstellung etc.). Das prozesshafte Ringen um die eigene Identität, die fließende Konstruktion des Selbst, scheint im Reisen die perfekte Form gefunden zu haben: Fließend wird die Reise selbst zum Ziel ohne konkrete Zielorientierung und entwickelt sich ohne Vorgaben fast wie „natürlich“: Das Nomadische erfordert die engere Beziehung zur natürlichen Umwelt, weil es schlicht das Überleben erfordert. Nach Essen und Unterkunft fragen, begehbare Straßen suchen und Verkehrsverbindungen wie Streckendauer checken, trete ich in elementare Resonanz mit der Welt meiner Grundbedürfnisse. Die Ray-Ban-Sonnenbrille muss nicht stylisch wirken, sondern vor dem Kopfweh der grellen Strahlen über mir schützen, denen ich 10 Stunden täglich ausgesetzt bin. Das feste Schuhwerk verhindert Blasen am Abend und der Fleece-Pully soll vor allem leicht, warm und robust sein.

 

Gastrosophisch mag solches Reisen ungesund, weder asketisch reinigend noch hedonistische Völlerei sein. Die narrative Aktivität aber erscheint als gesundete Gegenwelt zu den künstlich erscheinenden Alltagsherausforderungen von Karriere, Familie und Selbstverwirklichungsselbstverpflichtung mit digitaler Facebook-Kontrolle unter gleichgesinnten Peers. Beim Backpacking werden einfachste Ereignisse sichtbar, können in Bilder gepackt und nacherzählt werden. Hier muss nichts gepimpt oder individualisiert werden, es ist es bereits. Im Freizeitverhalten solchen Reisens besitze ich nicht nur die absolutistische Macht, zu gehen, wohin ich will. Ich kann auch ohne Rechtfertigung abbrechen oder die Richtung mehrfach ändern, ohne mich jemandem verpflichtet fühlen zu müssen. Irrational oder absurd – hier kann jeder Weg der richtige sein. Im Alltag verlangt das Geldverdienen die Zuordnung zu einem Arbeitsort, einem Unternehmen oder eines Marktes. Ein Meeting mit Freunden/innen will pünktlich verlaufen, und die Vorlesungsmitschrift schreit nach Wiederholung. Backpacking verzichtet auf solche Logiken, weil diese nur systemimmanent gelten.

 

Tourists don’t know where they’ve been, travelers don’t know where they’re going! (Paul Theroux zugeschrieben)

 

Im System funktioniert niemand lange allein durch Anpassungsleistung, weswegen Anlass für längere Reisen oft der Veränderungswille in einer Zwischenzeit bildet, wie z.B. beim Jobwechsel. Nach der Kündigung oder vor der neuen beruflichen Aufgabe lässt sich eine Backpacking-Auszeit organisatorisch mühelos einschieben; nach der partnerschaftlichen Trennung oder einer persönlichen Lebenskrise lässt sie sich zumindest gut rechtfertigen. Wie bei dem literarischen Konzept der „Heldenreise“ startet der/die reisende Protagonist/in in archetypischem Grundmuster, einem (inneren) Ruf folgend nach abenteuerlicher Grenzerfahrung. Das bisherige Leben hat einen Knacks bekommen, einen Mangel offenbart oder ist um eine plötzlich erscheinende Aufgabe reicher, die es zu „bewältigen“ geht. Bevor es physisch losgeht, muss mental das Köfferchen gepackt und die Heldenrüstung festgezurrt werden: „Soll ich es wagen, ganz allein vier Monate durch Indien zu trampen?“, hebt mein innerer Zensor den Sicherheitszeigefinger. „Was soll das heißen, du bist dann mal weg?“, schrillt Mamas Handystimme den Jakobsweg entlang. „Wie, den Appalachian Trail im Dezember? Wir haben fest mit deiner Heinz-Rühmann-Parodie bei der jährlichen Abitreffen-Feuerzangenbowle gerechnet!“, grinst mich eine ehemalige Schulkollegin Skype-verzerrt an. Der erste Schritt kann aus Motivation, aus Verzweiflung oder auf den Psychotherapeuten/innen-Ratschlag hin erfolgen, aber er muss von dir allein kommen – keine Heldenreise ohne Held/in!

 

Wenn Backpacking nicht bereits als Religionsersatz dient (die „Backpackerbibel“ des bekannten, australischen Verlages wurde bereits erwähnt), wird solches Reisen oft bei der Durchführung als Form spiritueller Praxis erlebt. Wo Pilgerwege auch für Atheisten/innen boomen und fernöstlich beeinflusste Esoterik mit Befreiungswanderungen lockt, drängt sich die Ähnlichkeit mit den religiösen Pilgerfahrten des Spätmittelalters auf: Mit standardisierter Erscheinung (damals der Wanderstab, heute das Backpack), einem verbindenden Ethos (früher die Gottesfurcht, inzwischen das minimalistische Reisen) und der meditativen Grundstimmung durch routiniertes Wanderungen (ehemals vermittels der Rosenkranzgebete, nunmehr aufgrund des Flow-Zustandes bei körperlicher Trance-Ermüdung). Die Infosammlungen über derlei Reise-Massenphänomene mündeten dereinst in Pilgerberichte und finden sich heutzutage in Onlineforen rezipiert.

Während man dazumal jedoch quer durch alle gesellschaftlichen Schichten wie Altersgruppen hinweg pilgerte, pflegen heutigentags vornehmlich gebildete, jüngere Heranwachsende der begüterten Mittelschicht das Backpacking. Auch war dazumal erklärter Hauptzweck, die Pilgerstätte tatsächlich zu erreichen, wohingegen nunmehrig oft der Weg das oder zumindest ein Ziel darstellt. Wurde das Pilgerwesen ehedem als immanenter Teil der (göttlichen) Ordnung gesehen, lebt Backpacking vom Ausbrechen aus dem Daily Business unter Betonung der individuellen Erfahrung. Beiden gemein bliebt aber die subjektive Transzendenz-Erfahrung!

 

Backpacking als Soft Skill Generale – informelle Bildungswege gehen

Diese Transzendenz kann spirituell sein, muss es aber nicht (mehr). Wo heute Reisefreiheit und Freizügigkeit, fortschreitende Staatenbefriedung und Globalisierung Platz greifen, gelten Individualreisen als allgemeines Gut unter der o.g. Zielgruppe. Die Transzendenz mag manchmal durch große räumliche Überwindungen oder das Sammeln persönlicher Grenzerfahrungen gebildet sein, lehrreich ist sie zumeist. Statt Schulbuchfakten und Uni-Theorien wird Erfahrungswissen nicht nur gesammelt sondern oft auch unter Echtzeitbedingungen angewendet. In der Bologna-Terminologie klingt die Mär vom Lifelong-Learning (LLL) oft wie die lebenslängliche Gerichtsverurteilung zur Erhaltung der Employability – im Backpacking wird sie als Form informellen Lernens integriert und mit Persönlichem in direktem Austausch mit Anderen nachhaltig vernetzt. Ohne fixes Learning Outcome im Setting verlangt Backpacking die ständige Selbstdefinition meiner Lernfortschritte, interkulturelle Kompetenzen wie mentale Selbstdisziplin und körperliche Selbstbeschränkung, gleichsam Flexibilität und die Spiegelung meiner Einstellungen und Vorurteile. Konfrontiert mit Fremdartigem, konträren Lebensentwürfen und Kontextabhängigkeit reift „Globality“ als Kernkompetenz der heutigen Globalisierungswelt heran.

 

Backpacking erfordert (gerade wegen der Ziellosigkeit) ferner Selbst-Organisationskompetenzen: Vom individuellen Planen der Reise über das Reagieren auf ungeahnte Veränderungen vor Ort, die Beschaffung von Essen und Unterkunft wie den Ausgleich von Krankheiten oder Schlafmangel. Deshalb ist auch Backpacking eben so wenig zweckbefreit wie das gern verklärte humboldtsche Bildungsideal: Gelerntes kann vielmehr später privat wie beruflich von Nutzen sein, wird aber (hoffentlich) nicht nur dazu erworben.

Als Teil der  Glokalisierungsbewegung stellt Backpacking reloaded einen Gegenentwurf zur endgrenzenden Globalisierung dar. Letztere lässt räumliche Grenzen digital verschwimmen, was weltwirtschaftlich erhebliche Möglichkeiten bietet. Der Mensch verlangt aber auch nach Face-to-Face-Erfahrungen, die sich mit der virtuellen Welt decken. Das Backpacking selbst kann man nicht als Online-Spiel oder in der WhatsApp-Gruppe betreiben, die gemachten Eindrücke noch nicht einmal lediglich online abbilden. Stattdessen gehören Traveler-Meetings, Events des Hospitality Club wie das Kennenlernen von gleichgesinnten Backpackern/innen auf den Reisen mit dazu. Die Backpacker/innen-Community benötigt nicht nur das Sharen von Reiseerlebnissen oder Tipps, sondern auch die Co-Präsenz, um Vertrauen zu bilden und das Erlebnis abzurunden. Dessen Einzigartigkeit, Intensität oder Besonderheit sind selten die entdeckten Menschen, Landschaften und Dinge – es ist die Reise ins Innere deiner selbst!

 

Du kannst vor allem Möglichen davon laufen, aber nicht vor Dir Selbst! (Buddha zugeschrieben)