{"id":6353,"date":"2016-02-10T14:18:12","date_gmt":"2016-02-10T13:18:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.absolventenakademie.at\/?p=6353"},"modified":"2016-02-28T14:33:48","modified_gmt":"2016-02-28T13:33:48","slug":"vom-stahlungeheuer-zur-kuschellok","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.absolventenakademie.at\/index.php\/vom-stahlungeheuer-zur-kuschellok\/","title":{"rendered":"Vom Stahlungeheuer zur Kuschellok \u2013 Was Bahnfahren heute f\u00fcr mich ist"},"content":{"rendered":"<h2>\u201eLoko-Motive\u201c \u2013 Lokalaugenblick in Geborgenheit<\/h2>\n<p>Ein Blick aus dem Zugfenster. Irgendwie f\u00fchle ich mich \u201edazwischen\u201c, weder richtig weg noch richtig da. Aber: der kribbelnde Schwebezustand der Zugfahrt, ein Mix aus \u201eweg von\u201c und \u201ehin zu\u201c, Verarbeitung des Zur\u00fcckgelassenen und Erwartung des Ziels, kondensiert sich im Fokus des Moments. Als Altlateiner f\u00e4llt mir ein, dass &#8222;Moment&#8220; wohl von &#8222;movere&#8220; (Bewegung) kommt, ein &#8222;Moment&#8220; also nicht nur ein m\u00f6glichst kleiner Zeitabschnitt ist, linear wie ich ihn wahrnehme. Es ist vor allem, wo etwas passiert! Das Leben, mein Leben, besteht nur aus solchen Momenten, Erinnerungen an wichtige Ereignisse wie den ersten (vermasselten) Kuss oder die Urkundenverleihung auf der viel zu biederen Doktoratsfeier.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.absolventenakademie.at\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/chicks-706486.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-6365\" src=\"https:\/\/www.absolventenakademie.at\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/chicks-706486-300x272.jpg\" alt=\"chicks-706486\" width=\"300\" height=\"272\" srcset=\"https:\/\/www.absolventenakademie.at\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/chicks-706486-300x272.jpg 300w, https:\/\/www.absolventenakademie.at\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/chicks-706486-1024x929.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Im Moment f\u00fchle ich mich geborgen, obwohl die kr\u00e4chzenden Zugdurchsagen in unverst\u00e4ndlichem Denglisch sich mischen mit quietschenden R\u00e4dern. Entschuldigungsblicken von Zugg\u00e4sten, die ihre Koffer in dem engen Durchgang allenthalben gegen mein Armgelenk sto\u00dfen, treffen mich aus dem Augenwinkel. Geborgenheit war f\u00fcr mich immer warmes Lager- oder Karminfeuer, unter der Kuscheldecke zu zweit, am sch\u00f6nen Sandstrand oder im lichtdurchfluteten Wald mit den sch\u00fctzenden Baumkronen \u00fcber mir. Bahnfahren verband ich meist mit Hektik und Versp\u00e4tung, stickiger Luft und viel Geld f\u00fcr vergeudete Zeit \u2013 aber jetzt nicht mehr!<br \/>\nHeute vermitteln mir weniger\u00a0Institutionen wie der Rechtsstaat oder die Familie sondern R\u00e4ume, die ich mir angeeignet habe, Geborgenheit. Das kann oft ein \u00f6ffentlicher Platz sein, den andere vor mir und noch mehr nach mir schon benutzt haben. Jungfr\u00e4ulichkeit ist f\u00fcr diese Beziehungsebene keine Voraussetzung, so wie ich morgens (old school) die ungelesene Zeitung aufbl\u00e4ttere, mir der Virginit\u00e4tsduft unschuldiger Druckerschw\u00e4rze entgegenstr\u00f6mt und mit Kaffeegeruch paart.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Glokalisierung \u2013 alles &#8222;auf Schiene&#8220; in Gleiswelt<\/h2>\n<p>Gern arbeite ich am Laptop in \u00f6ffentlichen Bibliotheken, eingekesselt zwischen Erstsemesterstudis, die f\u00fcr den n\u00e4chsten Pr\u00fcfungsmarathon lernen. Oft bin ich in Wien im Kaffeehaus und genie\u00dfe die Gem\u00fctlichkeit, auch bei Konsumation nur eines kleinen Espressos den halben Tag sitzen bleiben zu d\u00fcrfen. In Parks habe ich &#8222;meine Pl\u00e4tze&#8220; auserkoren und steuere unterbewusst, aber zielsicher auf die vermeintlich beste Stelle auf der Sonnenwiese oder die sch\u00f6nste Sitzbank zu. Globalisierung erschafft den Drang zu <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Glokalisierung\" target=\"_blank\">Glokalisierung<\/a>, die mir in der Verlorenheit und Anonymit\u00e4t der digitalen Welt greifbare, lokale R\u00e4ume als Halt im Jetzt bietet.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.absolventenakademie.at\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/train-816272.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-6362\" src=\"https:\/\/www.absolventenakademie.at\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/train-816272-300x200.jpg\" alt=\"Zugfahrt\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.absolventenakademie.at\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/train-816272-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.absolventenakademie.at\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/train-816272-1024x683.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Und, ja, \u00f6fters nun entdecke ich die Vorz\u00fcge des Zuges. Nicht die Kurzstrecke, wo es darum geht, schnell und g\u00fcnstig von A nach B zu kommen, wo fr\u00fch morgens g\u00e4hnende Gestalten ungelenk die Fr\u00fchst\u00fcckskr\u00fcmel von den verschlafenen K\u00f6rpern wischen oder sich in der D\u00e4mmerung der sog. &#8222;Feierabend&#8220; als Transitzone zwischen Arbeit und Freizeit am Bordrestaurant als \u00fcberteuerte Afterwork-Lounge manifestiert. Ich meine Bahnfahrten (auch) um des Reisens willen; nicht nur als Zweck denn als Selbstzweck, einen angeeigneten Raum zu nutzen. <a href=\"http:\/\/www.freundschaftsreise.com\" target=\"_blank\">Insa M\u00fcller<\/a> z.B. hat mehrere Monate lang mit der Bahn 19 Freunde in 12 St\u00e4dten besucht. F\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/vermischtes\/article145500535\/Studentin-tauscht-Wohnung-gegen-BahnCard-100.html\" target=\"_blank\">Leonie M\u00fcller<\/a> war es schlicht eine logische Folgerung, ihre Wohnung ganz zu k\u00fcndigen und f\u00fcr ein ganzes Jahr mit der BahnCard-100 Zugabteile und \u00dcbernachtungen bei Familie und Bekannten gegen &#8222;die eigenen vier W\u00e4nde&#8220; zu tauschen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Kaffeehaus oder Railjet \u2013 hat die Eisenbahn die Nase vorn?<\/h2>\n<p><a href=\"https:\/\/www.absolventenakademie.at\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/einstein-212102.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-6360\" src=\"https:\/\/www.absolventenakademie.at\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/einstein-212102-300x212.jpg\" alt=\"einstein-212102\" width=\"300\" height=\"212\" srcset=\"https:\/\/www.absolventenakademie.at\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/einstein-212102-300x212.jpg 300w, https:\/\/www.absolventenakademie.at\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/einstein-212102-1024x724.jpg 1024w, https:\/\/www.absolventenakademie.at\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/einstein-212102.jpg 1950w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>An meinem \u00e4u\u00dferen Auge ziehen tranceartig die F\u00e4den der Landschaft vorbei. Jeder &#8222;Moment&#8220; bewegt sich auch physikalisch in Form von beschleunigten Bruttoregistertonnen, die vor meinem inneren Auge aber gleichm\u00e4\u00dfig und fast schwerelos \u00fcber die Gleise schweben. Ich denke an die gekr\u00fcmmte Raum-Zeit der speziellen Relativit\u00e4tstheorie und frage mich, ob mich Zugfahren (wenigstens) in bisschen weniger schnell altern l\u00e4sst. Nach Einstein jedenfalls gehen bewegte Uhren langsamer als ruhende, weshalb mich die Zugbeschleunigung (paradoxerweise) nicht nur entschleunigt sondern auch noch verj\u00fcngt \u2013 wow!<br \/>\nIm Zug traf man fr\u00fcher allerhand nerviges Klientel an, heute gibt es handytonfreie Ruhebereiche, saubere, gepolsterte Sessel mit Stromanschluss und (unzuverl\u00e4ssigem) WLAN. Mein Eindruck ist, dass sich vermehrt die literarische Boheme auf das Zugfahren st\u00fcrzt und dem hippen Kaffeehaus die Nummer eins streitig macht. K\u00fcnstler\/innen wie Intellektuelle umgeben sich heute mit der Flow-Wolke des Zugnomadismus in Wagon Nummer 17 oder 38.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/www.absolventenakademie.at\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/vienna-647328.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-6358\" src=\"https:\/\/www.absolventenakademie.at\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/vienna-647328-300x200.jpg\" alt=\"vienna-647328\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.absolventenakademie.at\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/vienna-647328-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.absolventenakademie.at\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/vienna-647328-1024x684.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Das Kaffeehaus hatte einmal eine spezifische Funktion als Geburtsst\u00e4tte einer intellektuell-b\u00fcrgerlichen Szene im 19. Jahrhundert, als die offene Architektur zu zwanglosen Streitgespr\u00e4chen \u00fcber Demokratie und zu literarischer Inspiration oder schlicht ungest\u00f6rtem Zeitunglesen und Fr\u00fchst\u00fccken einlud. Das Zugabteil kombiniert heute umweltbewussten, entspannten Transport mit kreativer Meditation, ob beim Rausschauen oder MP3-H\u00f6ren. F\u00fcr viele wurde Zugfahren schlicht aus der Not der Tugend geboren: Immer mehr Menschen pendeln wieder (t\u00e4glich) aufgrund geschuldeter \u201eJob-Flexibilit\u00e4t\u201c wie besserer Taktungen (zumindest in urbanen Gebieten) und nutzen die Ruhe zum Abschalten oder zur Vorbereitung auf den Tag. Professoren\/innen und Lehrer\/innen korrigieren hier Klausuren, Journalisten\/innen bloggen und junge Eltern nehmen sich oft seit langem mal wieder die Zeit, ungest\u00f6rt in ein \u201egutes\u201c (meist aber doch nur ein \u201eneues\u201c) Buch hinein zu schm\u00f6kern.<br \/>\nNur die Verpflegung ist und bleibt einfach grottig \u2013 wer kurz geistig abwesend ist, erkennt daran schnell wieder, wo er\/sie sich befindet. Wieso ist das Essensangebot bei mittlerweile jedem Billigflug auf engstem Raum besser als in den modernsten Z\u00fcgen? Ich wittere kurz eine Marktl\u00fccke als potenzieller Creative Director der MITROPA-Reloaded-Food-Company, tr\u00e4ume von frischem und gesunden Bio-Sandwiches, die mir der Schaffner gegen VISA-Scan auf echtem Geschirr serviert und passiere zeitlos den n\u00e4chsten Bahnhof &#8211; &#8222;der Zug der Zeit hat keine Haltestellen&#8220; (Carl Merz).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eLoko-Motive\u201c \u2013 Lokalaugenblick in Geborgenheit Ein Blick aus dem Zugfenster. Irgendwie f\u00fchle ich mich \u201edazwischen\u201c, weder richtig weg noch richtig da. Aber: der kribbelnde Schwebezustand der Zugfahrt, ein Mix aus \u201eweg von\u201c und \u201ehin zu\u201c, Verarbeitung des Zur\u00fcckgelassenen und Erwartung des Ziels, kondensiert sich im Fokus des Moments. Als Altlateiner f\u00e4llt mir ein, dass &#8222;Moment&#8220;&#8230; <\/p>\n<div class=\"clear\"><\/div>\n<p><a href=\"https:\/\/www.absolventenakademie.at\/index.php\/vom-stahlungeheuer-zur-kuschellok\/\" class=\"gdlr-button with-border excerpt-read-more\">Read More<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":6368,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,88,76],"tags":[],"class_list":["post-6353","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein","category-leben","category-persoenlichkeit"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Vom Stahlungeheuer zur Kuschellok \u2013 Was Bahnfahren heute f\u00fcr mich ist - ABSOLVENTENAKADEMIE<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.absolventenakademie.at\/index.php\/vom-stahlungeheuer-zur-kuschellok\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Vom Stahlungeheuer zur Kuschellok \u2013 Was Bahnfahren heute f\u00fcr mich ist - ABSOLVENTENAKADEMIE\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"\u201eLoko-Motive\u201c \u2013 Lokalaugenblick in Geborgenheit Ein Blick aus dem Zugfenster. 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