19 Dez 2018

Ach, du heiliger Abend! – Warten Sie auch (…auf Godot)?

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„Wir danken für Ihre Geduld!“ – Wieso eigentlich?

Diesen Satz kennt der/die ein oder andere sicher aus Telefon-Warteschleifen bei der Supporthotline oder aus Bahnhofslautsprechern, wenn der Anschlusszug mal wieder verspätet ist. Was die äußernde Institution überhaupt von meiner Geduld hat (falls sie denn da wäre), für die sie mir dankt, verstehe ich zum einen nur bedingt. Zum anderen ärgert mich, dass meine Geduld wie selbstverständlich vorausgesetzt wird à la: „Du musst doch wissen, dass das länger dauern kann!“. Ein reines Geduld-Postulat wird mir zuteil, das unterschwellig klugzuschei… scheint: „Super, dass wir mit dir so einen geduldigen, verständnisvollen Menschen als Lieblingskunden-Prototyp besitzen. Klammer auf – falls nicht, fühl dich elend ertappt und bessere dich, du hysterische/r Aufreger/in, du – Klammer zu!“

Warten kommt heute wohl nicht öfter vor als damals, es fällt mir in der beschleunigten Zeit nur eher auf als früher. Warten – im Ordinationsraum, bis ich endlich beim Arzt drankomme. Schon vor Wochen den Termin ausgemacht, werde ich trotzdem eingereiht, gebeten „noch ganz kurz“ Platz zu nehmen, und um Verständnis ersucht, weil gerade ein medizinischer Notfall hereingekommen ist oder die dritte Wintererkältungswelle alle Praxen überrollt. Warten – in der Fastfood-Burger-Kette, mit einer computerisiert ausgedruckten Aufrufnummer-Quittung in der Patschhand, dauernd tönt es schrill, werden neue Zahlen auf dem Display über der Abholtheke ein- und andere ausgeblendet, gehen fettig duftende Plastiktabletts wie am Fließband darüber, nicht aber meine Bestellung. Warten – auf die Antwort meiner Stellenbewerbung, bei der ich mir besonders Mühe gegeben habe, wo ich das Gefühl hatte, passgenau auf den Traumjob zu passen, und eine automatische Eingangsbestätigung das Einzige bislang ist, was ich zurückbekommen habe.

Das Schlimmste am Warten scheint die Fremdbestimmtheit, wenn ich wo festsitze, die Handlung einer/s anderen zum Weitermachen brauche, auf Stand-By-Modus im Zwischenzustand reaktiv wie gefangen verharre. Warten fixiert mich nicht auf das Vergangene oder das Jetzt sondern den ungewissen Blue Screen in der Zukunft. Hoffnungen und Erfahrungswerte helfen ebenso wenig verlässlich, die wahrscheinliche Wartedauer realistisch abzuschätzen, wie die Anzeige des Busterminals „ca. 15 später“ (die nach 20 Minuten auf „ca. 30 Minuten später“ wechselt). Ich besitze zwar eine Wunschvorstellung für die Zeit nach dem Warten, und darüber, was dann bestenfalls passieren sollte – aber habe keine Ahnung, ob und wann dies sich realisiert. Ich bin wartend einzig fokussiert auf das Abwesende, die Leere, das Noch-Immer-Nicht…

Solche Zeit des Wartens kommt mir extrem lange vor, viel länger als die im Fluge vergehende bei Spiel und Spaß der Freizeit, bei einer herausfordernden Arbeit im Job oder im sportlichen Wettbewerb – bei etwas, das ich mir eigenverantwortlich vorgenommen habe. Im Nachhinein kann ich mich kaum an Wartezeiten erinnern, da meist nichts Spannendes passiert ist, was mein Gehirn vernetzt ins Langzeitgedächtnis gespeichert hat. Im wartenden Augenblick – das jedenfalls weiß ich noch sicher – kam es mir schier unendlich vor. Ich bin dann auf mich selbst zurückgeworfen und empfinde die Zeit als vergeudet, habe den Drang sie mit etwas anderem aufzufüllen, wie ein Buch zu lesen im Autostau oder Emails abzuarbeiten beim verzögerten Meeting, weil X oder Y selbst in zuvor genanntem Stau stecken. Im Alltagsleben gönne ich mir Leasure Time, unproduktive Zeiten fürs Couch-Gammeln, Handy-Daddeln, in der Sonne sitzen oder Netflixen. Beim Warten gönne ich sie mir nicht, lasse das nicht zu und versuche gegenzusteuern gegen die aufgezwungene Starrheit.

 

Geduld ist eine Tugend – in Alter, Kindheit, Jugend

Warten – so kommt es mir oft vor – konterkariert meine naiven Versuche, die individuelle Existenz zu überhöhen, um ihr einen Sinn zu verleihen. Dass diese heuristischen Trails ’n‘ Errors per se vergeblich anmuten, weiß ich wohl: Nur wird es mir beim Warten knallhart vor Augen geführt, wie ein schonungsloser Spiegel, gegen den meine Nase blutig donnert. Zu diesen Überhöhungsversuchen gehört, dass ich „etwas aus meinem Leben machen möchte“, wie es so schön heißt – obwohl ich keine Ahnung habe, was das genau mir, der Welt oder Gott bringt (falls er mich bloggen sieht: So gib‘ mir denn ein Zeichen, oh Herr!). Ich sehe mich als Überlebenskünstler, der gerne über sich selbst und das Leben lacht, dieses aber als Leben todernst nimmt, obwohl es auch dafür keinen Grund gibt. Als nietscheanischer Übermensch versuche ich, über mich hinaus zu wachsen, mich wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Morast zu ziehen und im Dasein zu verewigen. Das alles kommt bei mir ziemlich telisch vor: Vom äußeren Zweck getrieben, auf ein Ziel hin gerichtet, suchen um zu finden, lerne ich um zu wissen. Atelische Aktivität hingegen hingegen trägt seinen Zweck in sich selbst: Freude empfinden, Philosophieren, Musik genießen – davon habe ich wenig in der gemeinen Vorratskammer eingeweckt; ich kaufe es manchmal frisch importiert im Delikatessenladen zu.

Marshmallow-Tests bei Kindern zeigten schon früh, dass diejenigen, die sich selbst Belohnungsaufschübe gewährten und in Geduld übten, später tendenziell beruflich erfolgreicher, sozial kompetenter und emotional stabiler sind. Diejenigen, die der Versuchung nicht widerstanden, die knatsch-köstlichen Zuckerdingerchen vor der Nase sofort zu verputzen, tauschten sozusagen eine nachhaltige Entlohnung ein gegen das Glücksgefühl schneller, kurzer Schmackhaftigkeit. In den Genuss zuerst genannter kommen ohnedies nur diejenigen, die lange genug leben, um die Früchte dessen zu ernten und auch in die Folgeumfrage der Langzeituntersuchung einfließen können.

Wer wie ich selten warten kann oder will, wird gerne vorschnell als ungeduldig abgestempelt. Dabei ist das etwas völlig anderes. Als geduldig gilt jemand, der mit ungestillten Sehnsüchten oder unerfüllten Wünschen zu leben lernt bzw. diese zumindest zeitweilig bewusst hinten anstellt. Schwierigkeiten, Leid oder nervige Alltagssituationen mit langmütiger Gelassenheit zu ertragen, bedarf aber der Fähigkeit, zu hoffen und zu glauben, dass es später gut wird – alles andere wäre bloß Quälerei oder Ignoranz. Geduld ist mithin eine tugendhafte Geisteshaltung, eine optimistische Einstellung gegenüber der Zukunft; Warten hingegen nur ein möglicher, sichtbarer Ausdruck Handels dafür. Wenn ich nicht warte, reißt aber selten sogleich mein Geduldsfaden – ich mag nur nicht passiv dem Schicksal auf unbestimmte Zeit ergeben sein, sondern aktiv mein Leben steuern. Geduldige Menschen müssen daher weder wie buddhistische Mönche in der Mitte einer Saigoner Hauptstraße im Schneidersitz ausharren noch wie Pazifisten/innen mit Smiley-Gesicht durch Granat-Bombardements hüpfen, um als geduldig zu gelten.

 

Stille Nacht, … – wartende Macht!

In fast allen Religionen und Kulturen wird Geduld geschätzt und mit innerer Ruhe, Meditation, Ausgeglichenheit und Selbstgenügsamkeit in Verbindung gebracht. Zwar bezeugt die Geduldsamkeit konsequentes Handeln in dem Sinne, sich nicht gleich von außen erschüttern und leicht verleiten zu lassen – ob das situationsangemessen oder im Ergebnis richtig ist, aber nicht. „Geduld ist eine Frucht des Heiligen Geistes“, postuliert der Galaterbrief 5 hochbiblisch. Sein paulinischer Verfasser wusste, dass selbst das Ertragen schwerster Demütigung, Folter und sogar Tod durch Jesus Christus nur einen Sinn in dessen Glaube und dessen göttlicher Hoffnung fand. Für Atheisten/innen wie mich nur bedingt hilfreich, auch wenn ich gelegentlich gerne Orte der Ruhe wie Friedhöfe oder Kirchen aufsuche. Jedoch nutze ich die faktisch vorhandene Stille funktional, sauge die Gelassenheit der Gebäude von außen auf und trete so leichter in Kommunikation mit mir selbst. Ich kann mir dann  besser zuhören, ohne von Nebengeräuschen gestört zu werden. Ich darf auch den leiseren Tönen in mir Raum geben, die oft untergehen, weil sie sich nicht am Effizientesten artikulieren. Ich kann meine inneren Stimmen gegeneinander gewichten und auseinanderdividieren, welche gerade passender ist oder mir mehr zusagt. Mein Warten ist hierbei Auszeit vom Tun und der Geschäftigkeit, von Aktionismus und Muti-Tasking.

Doch das alles passiert gesteuert, weil und sofern ich bereit bin, nicht umgekehrt, weil bereits in der Ruhe die Kraft läge. Wenn Geduld der mentale Zugang und das Warten die (Nicht-) Handlung darstellt, ist die Stille für mich bloß die unmittelbare Folge. Religiös-bildhaft firmiert sie als etwas Heiliges, bei uns symbolisiert in der langsam und warm flimmernden Adventskerze ohne Technosound und Neonröhrenlicht. Von den Momenten der Besinnung und des Innehaltens vom Alltag ist gerade in der (Vor-) Weihnachtszeit oftmals die Rede. Von der Einkehr in Kontemplation und dem stillen Gebet. Aber auch dafür muss ich bereit sein, sonst bedeutet Stille bloß innere Langeweile. Meist bin ich das nicht, da mir das Warten wie Zeit und Ort dafür abrupt aufgezwungen werden – und sei nur durch den Feiertagskalender des Kirchenjahres.

Wer Warten lässt, sitzt am längeren Hebel. Beim Bewerbungsgespräch zu spät kommen, gilt zurecht als No-Go. Dass die Kommission die Bewerber/innen warten lässt (und sei es nur, weil die Taktung mit den vorangegangenen Kandidaten/innen nicht hinreichend geplant war), passiert ständig. Bei großen Anlässen kommen die „hohen Tiere“ regelmäßig zu spät, ohne sich bei den am Boden kriechenden Würmern zu entschuldigen. Jede/r weiß, dass der Stargast gebraucht wird, und er weiß das eben auch. Bei Audienzen pflegten Könige/innen ihre Untertanen zuweilen Stunden warten zu lassen, und waren selbst vor dem aufgezwungenen Warten nicht gefeit: Heinrich IV. zitterte nach seinem Canossa-Gang angeblich gar Tage im Büßergewand vor den klirrenden päpstlichen Toren, wenn auch mit politisch eiskalter Berechnung. Investiturstreit hin oder her – Warten und Warten-lassen hat oft mit Macht zu tun. Fluggesellschaften kalkulieren kostenträchtige Flugverspätungen und erstattungspflichtige Überbuchungen von Anfang an in die Ticketpreise ein. Mag es für den/die Einzelne/n nervig sein, ökonomisch rentabler für das Unternehmen ist es allemal.

 

Johanniskraut, Lavendel oder Baldrian? – beruhigendes Kräuterl auf allen Lebenssuppen

Manches Warten leitet in Vorfreude auf das Ereignis nach dem Warten über, wie z.B. die letzten Minuten vor meinem Auschecken aus dem in der Feriendestination gelandeten Flieger, wenn der Urlaub wirklich beginnt. Oder das duftend-krosse Pizzabrot aus der Küche, kurz bevor ich im italienischen Restaurant genüsslich zu Abend speise. Solches Warten ist zeitlich eng gestrafft und liegt nahe bei etwas höchstwahrscheinlich in Bälde Stattfindendem. Einiges Warten erinnert hingegen eher an S. Becketts absurdes Theater „En attendant Godot“. In der Parabel auf die Suche nach der Sinnhaftigkeit der Lebenszeit warten die zwei Protagonisten das ganze Stück auf jemanden, den sie weder kennen, noch darum wisse,n warum sie auf ihn warten oder was geschehen würde, sollten sie ihn jemals treffen.

Estragon: Komm, wir gehen.

Wladimir: Wir können nicht.

Estragon: Warum nicht?

Wladimir: Wir warten auf Godot.

Estragon: Ah!

Für beide mutet dies weit weniger absurd an als für Unsereine/r, die wir alle zumindest den biologischen Tod (er-) warten, solange wir (über-) leben. Ob er schlicht das gesamte Leben andauert und erst aufhört, wenn er eingetreten ist, sei dahingestellt. Für Wladimir und Estragon jedenfalls begleitet die Absurdität des Lebens und das Warten auf dessen ungewissen Ausgang sie zumindest so lange bis Godot auftaucht – aber weiß dieser überhaupt, dass er so sehnlichst erwartet wird? Aus der kirchenslawischen Liturgie stammend bedeutet „Vlad“ so viel wie Macht oder Herrschaft – Wladimir postuliert daher einfach das notwendige Warten, ohne hinterfragt werden zu müssen. Estragons Name stand früher in Verbindung mit dem Drachenkraut, das gegen Schlangenbisse angewandt wurde und dessen ätherische Öle durchblutungsfördernd wirken. Kein Wunder, dass er den Drang in sich spürt, lieber weiterzugehen – gleichsam absurd wüsste auch er aber nicht, wohin.

Einige brühen sich sedierende Kräutertees mit Heilpflanzen auf, die das Warten erleichtern und die ständige Konfrontation mit der Absurdität des Lebens mildern sollen – Abwarten und Tee trinken. Für andere  macht diese es erst lebenswert und wirkt in mancher Hinsicht befreiend: Wieso revoltiere nicht auch ich munter gegen die Unerkennbarkeit des Lebenssinns, lehne mich gegen den eigenen, letztlich unabstellbaren Existenzmangel auf und verleihe meinem Leben ganz eigenmächtig einen Sinn, der ihm vermutlich gar nicht zusteht? Wenn es kein weiteres, außerhalb meiner Existenz liegendes Ziel zu erreichen oder einen höheren Zweck zu unterstützen gilt, müsste das absurde Leben sich selbst  genügen – nicht weil es das soll, sondern weil es das muss. Frei nach Ch. Morgenstern in Palmström’scher Logik „…schließ‘ ich messerscharf, dass nicht sein kann, was nicht sein darf!

Frohe Weihnachtswartezeiten, wo, wann und wie immer Ihr sie lebt!