26 Jan 2017

Der Berg ruft, das Handy piepst – über digitales Arbeiten und analoge Entschleunigung in der Natur

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Still, leise, ruhig… – die MUTE- statt die PAUSE-Taste drücken

Auch wenn es uns fern vorkommt: Weihnachten ist gerade einen Monat vorbei! Für Viele eine der wenigen Fenster im Geschäftsjahr, in der Zeit für Familie, Urlaub und Ausgleich eingeplant wird. Die besinnliche Weihnachtszeit steht für Manche längst nicht mehr in rein religiösem oder spirituellem Kontext sondern dient als dankbares Zeitfenster für eine Auszeit. Im Originaltext des bekannten Weihnachtsliedes „Stille Nacht“ begründet der Autor Joseph Mohr diese damit, dass „alles schläft“. Ist es jedoch wirklich still, wenn wir schlafen? Gibt es kein Rascheln der Bettdecke drinnen, kein romantisiertes Schneegestöber draußen und kein Schnaufgeräusch, was allesamt die Stille negiert? Mit dem Still-Sein gehen Assoziationen wie „Stillstand“ oder gar „Totenstille“ einher, Bewegungslosigkeiten wie absolute Lautlosigkeit. Gerade in der nasskalten Jahreszeit buchen wir uns gerne in die Wellness-Therme ein, die u.a. mit „Räumen der Stille“ lockt – aber dort ist es mitnichten still sondern höchstens leiser.Themenwellness

Stille könnten wir gar nicht ertragen! Aus diesem Grund etwa wird beim Handy-Telefonieren ein künstlich erzeugtes Rauschgeräusch in Sprechpausen eingeblendet – das sogenannte Komfortrauschen soll die Irritation vermeiden, die Leitung sei mausetot. Das leise Streicheln eines Katzenfells bei monotonem Schnurren oder der Zucker, der langsam im Schaum des Milchkaffees versickert und dabei knistert: Beides erinnert uns daran, dass nicht Stille sondern achtsame Ruhe, das Fokussieren auf wenige, einfache Geräusche uns in unsere Mitte bringt. Versuche einmal bewusst, vor eine Gruppe zu treten und nur 60 Sekunden nichts zu sagen, keine Bewegung zu machen und still zu sein – gar nicht so leicht, wie es sich anliest! Auch beim meditativen Yoga geht es darum, auf den Atem und in den eigenen Körper hineinzuhören statt (vermeintlich) starr und still im Schneidersitz zu hocken. Weil um uns herum viele und laute Geräusche um Aufmerksamkeit ringen, haben wir das Hören auf uns nahezu verlernt. Ein störendes  Kopfweh wird effizient mit einer Tablette kuriert. Ein krampfender Magen bekommt einen teuren Bio-Kräutertee verpasst, damit er nicht mehr grimmig knurrt.

Statt Ausschalten führt Reduzierung, statt Weglassen Minimierung und statt radikalen Neuanfängen führen kleinere Zwischenschritte oft besser zum gewünschten Ergebnis. Das merken wir bei gerade der (Nicht-) Realisierung des einen oder anderen Neujahrszieles à la „Ab jetzt soll alles anders werden!“. Na? Schon 20 Kilogramm abgenommen und mit dem Rauchen aufgehört? Eben. Muting statt Pausing – in der Ruhe liegt die Kraft, nicht in der Stille!

 

Digitalisierung – Schaf im Wolfspelz oder Sündenbock für Entfremdung?

Wolf oder Schaf?Die Sehnsucht nach Stille ist oft nur das extreme Gegenteil von, die Abwehrhaltung gegen und die Reaktion auf Dauerbeschallung – akustisch wie visuell. Sind wir hinreichend genervt, wollen wir von keinem etwas hören (auch von den Nicht-Nervern nicht). Haben wir „die Nase voll“, dürfen wir krank werden; vorher gilt Schniefen als Schwäche. Drohen wir in der Informationsflut zu versinken oder von Eindrücken erdrückt zu werden, sind Fluch und Segen schnell benannt: Digitalisierung. Sie zählt zu den Megatrends in der heutigen Welt – ob Industrie 4.0, Big Data oder Cloud-Technologien. Analog klingt nach Old School, digital nach modern. Die Kameraüberwachung in Gebäuden, der Online-Status in Social Media und der Daueralarmzustand kommunikativer Erreichbarkeit sind technisch leicht umsetzbar und kosten wenig – zumindest, wenn wir von Geld reden.

Barbara Schussek ist Mitgründerin und -geschäftsführerin der Internetagentur „Resonanz Online-Marketing“ und lebt mit wie von der Digitalisierung: „Im privaten Bereich erleichtert das Smartphone die Organisation meines Alltags enorm, angefangen vom Kalender, durch den ich alle Termine  permanent im Blick habe, bis hin zur App, die mich daran erinnert, welche Blumen wann gegossen werden wollen. Die Kehrseite der Medaille ist, sich vom Digitalen auch einmal zu trennen und nicht abends nochmal E-Mails zu lesen oder einen Blick auf Facebook oder Instagram zu werfen, sondern einfach einmal ganz analog zur Ruhe zu kommen.“ Für ihren Lebens- und Geschäftspartner David Bongard bedeutet Digitalisierung vor allem Vereinfachung und Individualisierung: „Privat nutze ich das klassische Fernsehen z.B. schon seit Jahren nicht mehr, weil ich lieber ein paar Euro für Streaming-Dienste zahle und mir dadurch mein Programm selbst  aussuchen kann – ohne von Werbung unterbrochen zu werden.“

Landschaft: digital oder analog?Digitalisierung geht mit Dynamisierung und Flexibilität Hand in Hand. Gerade in der Welt junger Hochschulabsolventen/innen zeigt sich die vorausgesetzte Bereitschaft zu kontinuierlicher Veränderung auf der Überholspur. Während Menschen von Hause aus auf Beständigkeit, feste Strukturen und Konstanz ausgelegt sind, mutiert Change Management – ob privat oder beruflich – zum Normalzustand. Im Online-Marketing gehört dies laut Barbara zum Daily Business: „Eine der größten Herausforderungen ist es, dass wir in einem sehr schnelllebigen Bereich tätig sind. Techniken werden neu oder weiter entwickelt, neue Marketingkanäle entstehen, innovative Trends kommen auf.“ Dabei stellt sich laut David stets die Frage, „…welche Innovationen nur ein kurzlebiger Trend sind und welche das Potenzial haben, den gesamten Markt zu verändern. Ein gutes Beispiel ist das Aufkommen der Smartphones, welche die Internetnutzung in den letzten Jahren grundlegend verändert haben. Noch heute habe ich bei jeder größeren Innovation das Gefühl, in einer Science-Fiction-Geschichte zu leben. Weil ich mich so gut erinnern kann, wie es vorher war, wird das Digitale wohl nie ganz selbstverständlich für mich werden.“

Johanna Kompacher ist u.a. als freiberufliche Online-Texterin tätig und verstärkt von digitaler Kommunikationstechnik abhängig: „Derzeit habe ich mehr Kunden in anderen Städten als in Wien. Ohne E-Mail, Skype und Smartphone könnte ich meinen Job auf keinen Fall so machen, wie ich das tue. Ich finde zwar nicht, dass diese Hexenwerk sind und soziale Entfremdung findet auch keine statt – eher eine Kanal-Multiplikation.“ Es geht also nicht um quantitative Vervielfältigung von Digitalisierung sondern die qualitativ beste Nutzung digitaler Medien für den richtigen Einsatz. Brauche ich wirklich alle Apps auf meinem Handy bzw. aktiviere ich die mobilen Daten nur für bestimmte? Unendliche  Möglichkeiten können nicht nur die Qual der Entscheidungswahl bedeuten. Je mehr digitalen Reizen wir uns ausgesetzt sehen, desto weniger Aufnahmebereitschaft bringen wir für den einzelnen auf. War es früher ein Fest, den lang ersehnten, handgeschriebenen Brief würdig zu öffnen, entscheiden wir heute in Bruchsekunden über das Weiterlesen eines Teasers oder das Anklicken eines Icons. „Eine der zentralen Herausforderungen für Texter im digitalen Bereich ist das Wissen um »Scan«-Lesen.“, weiß Johanna aus ihrem Berufsalltag. „Im Netz geht es meist um rasche Informationsbeschaffung und schnell konsumierte Inhalte. Für Texter ist es daher wichtig, Dinge kurz zu halten, im ersten Absatz zusammenzufassen, mit Bildelementen aufzubrechen usw. – Das Lesen am Bildschirm ist ein anderes.“

DigitalisierungStatt Digitalisierung zu verteufeln, kann sie nachweislich das spielerische Geschick wie die Motorik trainieren, zur Lernunterstützung eingesetzt werden und bietet eine niedrige Hürde, um sich persönlich auf neue Dinge einzulassen. Niemand muss sich mehr formell an der Universität inskribieren, möchte er sich Wissen aneignen oder mit Gleichgesinnten über ein Fachthema korrespondieren. Das Internet kann verleiten, aber auch die Eingangstür sein, sich mental auf fremde Gebiete zu wagen und an Unbekanntes heranzutasten. Statt einen Kochkurs zu besuchen, können wir unser kulinarisches Interesse über Anleitungsvideos oder Food-Blogs befragen. Längst hat dies neben der kognitiven die emotionalen Ebenen erfasst: Techno-Intimität nennt sich die Beziehung zwischen Mensch und Maschine, mithilfe derer z.B. japanische Dating-Simulationen funktionieren. Für Johanna birgt die digitale Sphäre viele Vorteile: „Sie erzeugt Nähe, wo sie analog nicht immer möglich ist, öffnet Wissen und gestattet uns im entlegensten Winkel, globale Zusammenhänge zu verstehen. Was wir online finden und lesen können, ist so umfassend, dass es unseren Horizont auch im analogen »Hier und Jetzt« erweitert.“

 

Fast forward or back to nature – Leben findet draußen statt

AuszeitWie bei dem Unterschied zwischen Medizin und Droge scheint die digitale Dosierung der Schlüssel. Muss ich meine sämtlichen Körperfunktionen digital messen, jede Regung im Internet posten und stets erreichbar sein? Für Barbara etwa ist es wichtig, regelmäßig offline zu sein und das schnelllebig-digitale auch einmal hinter sich lassen zu können: „Neben dem ganzen Knowhow und der Erfahrung, die gute Arbeit benötigt, ist eine mindestens genauso wichtige Voraussetzung dafür, dass es mir persönlich gut geht. Das schaffe ich nur, wenn ich mir regelmäßig Zeit für mich und meine privaten Interessen nehme und mir Räume zum Faulenzen und Langweilen schaffe.“ Dabei wird Langeweile meist öffentlich gebrandmarkt. Unser Leben gilt als öde im ständigen Freizeiterlebnisvergleich, der berufliche Karriere wie privates Glück in den Anerkennungswettbewerb stellt. Obwohl ohnehin ständig Neues auf uns einprasselt, sind nur die gewagtesten Bilder, außergewöhnliche Ereignisse und unerwartete Wendungen wert, im Freundeskreis dramaturgisch inszeniert statt bloß müde erzählt zu werden – Das gilt analog wie digital.

Mit News-Feeds vollgestopft wie die Mastgänse werden wir auch dann, wenn wir schon satt sind oder es haben! Wenn ein durchschnittliches Mensagespräch die Infodichte von CEO-Briefings erhält und jeder Filmheld-Charakter an hunderten zu bewältigenden Psycho-Problemchen knuspert, haben wir alle stets medial aufgeweckt, motiviert und reflektiert sein. Dabei sind digitale Medien David zufolge „…zuallererst einfach Medien – und die gibt es schon seit den sumerischen Tontafeln. Neu sind die laufende Verfügbarkeit und die ständige Vernetzung. Hier versuche ich darauf zu achten, dass auch ich mal in den »Flugmodus« gehe, genauso wie ich auch heute noch darauf achten muss, ein gutes Buch rechtzeitig aus der Hand zu legen, um genügend Schlaf zu bekommen.“ Runterkommen  kann er am besten „…beim Sport, beim Computerspielen oder auch bei einem ganz analogen Spieleabend mit Freunden.“

Johanna Kompacher

(c) Johanna Kompacher

In Johannas Business ist es ohnehin „…unmöglich, Inspiration für »lineare« Arbeit, also das Verfassen digital publizierter Texte, ausschließlich aus derselben Welt zu beziehen. Wer über das Wandern schreibt, kann tagelang recherchieren und sich inzwischen sogar 360 Grad in der Destination umherbewegen, ohne überhaupt den Arbeitsplatz zu verlassen. Aber eine Schreibende, die selbst am Vortag eine Wanderung unternommen hat, wird wahrscheinlich die treffenderen Worte finden, weil ihre Erfahrungen über das Textliche hinausreichen. Was mich wirklich inspiriert, sind intensive Momente, Ausnahmezustände, Neuland. Diese sind in der digitalen Ebene nicht erlebbar – und werden es, allen Virtual Reality Trends zum Trotz, meiner Einschätzung nach auch nie werden.“ Lassen sich bald schon analog-sinnliche Empfindungen wie schmerzende Waden nach einem steilen Aufstieg, der Duft eines Tannenwaldes nach dem Gewitterschauer oder das freie Plappern mit den Mitwanderern/innen digital erzeugen?

Beim Durchstreifen der Natur gibt es keine Überholspur, die wir nehmen sollten. Wer im klammen Zelt gefroren und mit dem morgendlichen Sonnenaufgang belohnt worden ist, kommt auch mit glitschig-schmalen Bergpfaden klar. Die Aufregung, dass Tage zuvor eine App nicht lud oder die Browser-Favoriten versehentlich gelöscht wurden, verschwindet hinter neblig zerklüfteten Grüntönen. Statt digitaler Abwechslung greift meditative Gleichförmigkeit Platz und schafft erst dadurch resonante Eingebundenheit in die Welt ohne Langeweile. „Die Digitalisierung hat unseren Blick stark nach innen gerichtet, aber es gibt dieses Außen nach wie vor.“, stellt Johanna fest: „Die Natur erdet mich und erinnert mich daran, woraus ich bin. Natürlich bleiben berufliche Verpflichtungen bestehen, und auch diese erfüllen mich. Aber in der Natur zu sein gibt Demut zurück, die wir allen technologischen Fortschritten zum Trotz brauchen. Meine liebste Übung: barfuß gehen! Das ist sinnliche Entdeckungsreise und zugleich Eingeständnis der eigenen Verletzbarkeit.“

(c) Barbara Schussek und David Bongard

(c) Barbara Schussek und David Bongard

So wie der Begriff „Erfahrung“ das Fahren als physical movement beinhaltet, scheint die Wanderbewegung durch die Natur ihre eigene Dynamik zu besitzen. Wie im echten Leben lernt man Ballast abzuwerfen, nichts Unnötiges im Rucksack mit sich herumzuschleppen und in kleinen Schritten mit festem Tritt voranzukommen. Weder klickt hier Elektronik noch bedeutet „völliges Abschalten“, einen technischen Apparat zu deaktivieren. „Gerade auf Wanderungen kann ich wunderbar abschalten, weil es für mich die perfekte Mischung aus Aktivität und Ruhe darstellt.“, ist Barbara sich sicher: „Vor allem seit Gründung unserer Firma haben wir unsere Urlaubsdestination auch hauptsächlich danach ausgewählt, ob man dort gut wandern gehen kann. Letztes Jahr haben wir eine Woche auf einer Berghütte ohne Handyempfang verbracht.“ Wobei sie diese „…schließlich auch über das Internet gefunden haben…“, schmunzelt David, der direkt am Wald aufgewachsen und seit seiner Kindheit naturbegeistert ist. Trotz einer Zusatzausbildung als Outdoor-Pädagoge glaubt er nicht daran, dass es eine rein analoge Welt überhaupt noch gibt. Was Johannas erklärter Traumjob in einer solchen wäre? „Ganz aus dem Bauch heraus würde ich gerne eine Ausbildung zur Trainerin machen und Outdoor- und Bewegungscamps mit Kindern begleiten.“ Vielleicht trifft sie sich ja mal mit David und Barbara?! – so ganz analog beim Waldwandern womöglich…