1 Okt 2015

„Ohne Fleiß kein Preis?“ – wozu Disziplin gut ist und wozu nicht

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Glaub‘ mich, oder ich fress‘ dich – die Welt tickt mehrdimensional

Sie kennen diese Glaubenssätze, die uns allen mit der Muttermilch mitgegeben wurden (eigentlich hauptsächlich durch Schule und elterliche (V)Erziehung). „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!“, lautet so eine nicht zu hinterfragende Scheinweisheit. „Den Tüchtigen gehört die Welt“, eine andere; „Ohne Fleiß kein Preis!“ eine dritte usf. Gibt es Probleme mit Hochschulnoten oder der Jobsuche, weiß meist jemand aus dem Bekanntenkreis einen solchen Pseudo-Aphorismus als Erklärungsmuster anzubieten.

Schaut man sich die Realität an, merkt man schnell, dass die Empirie dem geflissentlich widerspricht: So empfindet der Club-Animateur gute Urlaubslaune seiner Gäste wie die Südseesonne (hoffentlich) nicht erst nach Feierabend schön und während der Lohnarbeit als Last. Arbeit und Vergnügen kann zumindest Hand in Hand gehen, mag das unserer protestantischen Arbeitsethik auch stets auch als Diametral-Gegensatz entgegen gehalten worden sein. Das gilt übrigens gerade für Workaholics!

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Ferner kenne ich (als Jurist) nicht nur die sozialen Ungleichheiten des Erbrechts wie auch Erben/innen persönlich. Missgönnen möchte ich Keinem/r etwas, schon gar nicht wenn es um familiäre Tradition oder Familienunternehmen geht. Dass Erben per se aber besonders tüchtig sein oder für das Erbe eine besondere (familiäre) Leistung erbringen mussten, ist dem/der Nachlassverwalter/in wie dem/der Verlassenschaftskurator/in herzlichst schnuppe. Zuletzt steht der „Preis“ von Lotto-Millionären/innen wie so manchen Finanz-Spekulatoren/ innen in wenig kausalem Verhältnis zum „Fleiß“…

Vieles von dem scheint, Glück, Schicksal oder was auch immer Unerklärbares zu sein (einige setzen als metaphorischen Platzhalter „Gott“ ein), jedenfalls keine eindimensionale Abreißlogik vom Kalenderblatt. Das mag nicht immer den Smiley unserer inneren Verteilungsgerechtigkeit zu breitem Grinsen bringen. Es zu akzeptieren, erleichtert aber das Weltverständnis und das (Über-) Leben darin ungemein.

Naturverklärungen – über fleißige Bienchen und emsige Ameisen

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Ein Blick in die Naturromantik einiger Kinderbücher mit dem Erziehungsideal, hummelige Arbeitsdrohnen zu produzieren, erhellt: 1000-de kleiner Dienerlein krabbeln zum Wohle des großen Ganzen herum, aber nur scheinbar ohne Plan. In Wahrheit weiß Jede/r genau, was er/sie wann zu tun hat und was exakt die eigene Rolle im Bienenvolk oder im Ameisenhaufen ist. Für Individualismus oder Selbstverwirklichung ist in diesem von chemischen Pheromonen regulierten Gebilde natürlich kein Platz, von einem echten (Bienen-, Ameisen-…) „Staat“ mangels sozialer Interaktion kann ebenso wenig geplaudert werden.

Der mittelalterliche Ordo-Gedanke, wonach alle mit der Geburt nach Stand und Familie ihren gesellschaftlichen Platz fix mit der Geburt zugeteilt bekamen, ist beim Menschen zum Glück mit der Aufklärung verschwunden. Trotzdem wird Klein-Peter gelobt, wenn er brav seine Zinnsoldaten weggeräumt hat und das süße Annilein kerzengerade zu Tische sitzt und fleißig das Deckchen fertiggestrickt hat. Naturalismus-Analogien eignen sich weder für die Bildungswissenschaft noch zur Konfirmierung von unerklärbaren Glaubenssätzen.

Von der Natur zur Kunst – Luxus der Faulheit?

Das Gegenteil von (positiv konnotiertem) Fleiß ist (negativ konnotierte) Faulheit oder das Nichtstun. Dabei hat Faulheit so Einiges mit Kunst gemeinsam: Sie scheinen beide auf den ersten Blick zweckfrei und ohne direkten Benefit. Nicht von ungefähr wird der Stereotyp des/r Künstlers/in auch heute noch mit kreativem Chaos, Unangepasstheit und im Gegensatz zum „Broterwerbsjob“ als finanziell wenig lukrativ angesehen. Würden Sie deshalb auf Kunst verzichten wollen oder gar darauf, welche selbst zu machen, wenn Sie es wollen?

Mit Faulheit verhält es sich ähnlich: Eine handbetriebene Kaffeemaschine war vor 100 Jahren normal und mit ihr ein Nahmittagskränzchen mit geröstetem Schwarz zu versorgen, schon einige Minuten Aufwand. Heute gilt es als Retro-Luxus, sich für das Gerät wie sich selbst wieder die Zeit dafür zu nehmen. Ähnliches lässt sich über das Abspielen von alten Langspiel-Schallplatten sagen (ja, die gerillten Dingerchen aus Vinyl!) oder Polaroid-Fotografie statt digitalem Spiegelreflex. Ist Diejenige/Derjenige, der/die die moderne Kapselmaschine zum Kaffeegenuss benutzt, nun „fauler“ als der/die vermeintliche Nostalgiker/in? Zumal Dinge, die früher kein Luxus waren es heute sind, gelten unabhängig von der Zeit einigen Top-Managern/innen heute schon drei Minuten Pause als wahrer „Luxus“, anderen nicht.

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Disziplin – eine überflüssige Größe?

Weder dem ziellosen Herumtrödeln noch der Langeweile soll hier eine Lanze gebrochen werden, haben „Fleiß“ und „Tüchtigkeit“ doch einen wahren Kern: Statt Stillstand in der persönlichen Entwicklung führt gemäßigtes Nach-Vorne-schauen, sich (erreichbare) Ziele setzen und etwas Neues zu schaffen, zu Freude am eigenen Werk und Zufriedenheit an der Verbesserung. Das kann die individuelle Bildung sein, ein tolles Hobby oder der Job (-wechsel).

Wann funktioniert das allein? Wenn man motiviert genug ist, es wirklich durch zu ziehen und auch bei ersten Widerständen dranzubleiben (das kann die eigene Unlust sein, nachdem die Anfangseuphorie verpufft ist). „Fleiß“ alleine im Sinne von gedankenlosem Weitermachen hilft da nicht nur sondern kann sogar gefährlich sein, wenn Warnsignale übersehen werden. Auch „Disziplin“ ist jedenfalls zu hinterfragen: Als Fokussierung verstanden (ich will das, nicht: ich muss das!), ist sie insbesondere bei größeren Projekten wie Studium, Bewerbungen oder dem nächsten Stadtmarathon oft unerlässlich.

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„Disziplin“ einzig als das Einhalten von Regeln und Vorgaben verstanden, kommt auferlegtem gesellschaftlichem Zwang gleich (á la „Du musst echt fleißig lernen!“). Selbst-disziplinarischer Gehorsam kann hingegen in Form von Selbstkonditionierung Sinn haben (Belohnungen, kleine Zwischenschritte, bewusstes Feiern von Erfolgserlebnissen…). Mutet also Jemand als nicht „diszipliniert“ genug an, heißt das nichts mehr, als dass er/sie anders fokussiert oder in andere Richtung motiviert ist.

Braucht man die Kategorie der „Disziplin“ überhaupt noch, wenn man ausreichend motiviert und fokussiert ist? Das und viele andere Glaubenssätze und gesellschaftliche Wertvorstellungen können uns helfen oder uns auch behindern. Welche das sind, finden wir gemeinsam mit Ihnen heraus – treffen wir uns auf ein kostenloses Beratungsgespräch?